Die Geschichte des Schaukelpferd

Die Geschichte des Schaukepferd

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Schaukelpferde

Es gibt wohl nur wenige Spielzeuge auf der Welt, die solch ikonische Bedeutung im Gedächtnis der Erwachsenen haben, wie das Schaukelpferd. Die meisten Kinder der westlichen Hemisphäre haben auf seinem Rücken ihre ersten Ausritte unternommen, ihm zu Ehren wurden Lieder komponiert und Märchen geschrieben. Sie stehen heute in Museen, sind beliebte Sammlerstücke und erzielen auf Auktionen Rekordpreise.

Spielzeugtiere waren bereits in den vorantiken Kulturen bekannt und gerade Pferde ein bedeutendes Symbol für Reichtum und soziale Position. Spielzeugpferde wurden zunächst für Jungen gemacht, damit sie ihre Väter im Krieg oder bei der Jagd nachahmen konnten. Tatsächlich schrieb Jakob I., Anfang des 17. Jahrhunderts König von England an seinen jungen Sohn: „Die ehrlichsten und lobenswertesten Spiele, die du betreiben kannst, sind Spiele auf dem Pferd.“

Der Adressat, Karl I., war dann auch im Besitz des heute ältesten noch existierenden Schaukelpferdes der Welt. Die klobige Holzkonstruktion wurde 2006 vom Victoria and Albert Museum of Childhood in London für umgerechnet 50.000 Euro erworben.

Während Schaukelpferde oder auch tierähnliche Schaukelgebilde, seit dem antiken Griechenland vor allem als Lernutensil des Reitens verwendet wurden, tauchte es in den USA im 17. Jahrhundert auch erstmals als reines Kinderspielzeug auf. Anfänglich waren diese Schaukelpferde noch unförmig und teilweise nur schwer als Pferde zu erkennen, besaßen aber schon die heute bekannte wippenartige Basiskonstruktion.

Die Kolonialmacht England „importierte“ dieses neue Spielzeug schließlich und im 19.Jahrhundert trat das Schaukelpferd, amerikanischer Bauart seinen Siegeszug durch ganz Europa an. Schritt für Schritt näherten sich die Spielzeugpferde in ihrem Äußeren auch langsam ihren realen Vorbildern an. Ob arabische Hengste, Jagdpferde oder Schimmel im Galopp – die Schaukelpferde bekamen ausgestreckte Beine, fließende Mähnen und Schwänze aus echtem Rosshaar. Sie wurden aufwändig lackiert, hatten Glasaugen und trugen fein gearbeitete Sättel und Lederzaumzeug. Das Schaukelpferd wurde in dieser Zeit zum König der Spielzeuge und bekam oft den Platz in der Mitte der bürgerlichen Kinderzimmer, wo es stolz wartete, bereit für imaginäre Abenteuer und Heldentaten.

Vorerst waren die teuren Spielzeuge allerdings der gehobenen Klasse vorbehalten. Doch vor allem in den waldreichen Gebieten Zentraleuropas wurde der Erwerb eines Schaukelpferdes am Ende des 19. Jahrhunderts auch für die Unterschicht erschwinglich. In den Holzhandwerksbetrieben stellten Väter und ältere Brüder das Spielzeug oftmals selber her, wobei auch bezüglich der Konstruktion von einfachen Holzvarianten des Schaukelpferdes hohe Fertigungskunst erreicht werden konnte. Zahlreiche dieser Schaukelpferde sind mittlerweile kostbare Sammlerstücke und werden in Museen ausgestellt.

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern galoppierte das Schaukelpferd in Deutschland erst spät in die Kinderzimmer. Doch in Hessen, Thüringen und dem Erzgebirge entwickelten sich Ende des 19. Jahrhunderts bedeutende Herstellungsorte. In Thüringen und dem hessischen Odenwald haben einige dieser, damals gegründeten Betriebe bis heute überlebt. Im Odenwald zum Beispiel, gab Mitte des 19. Jahrhunderts allein zwanzig Betriebe, die sich auf die Herstellung von Schaukelpferden spezialisiert hatten. Doch die industrielle Fertigung hat den meisten dieser Werkstätten im Laufe des 20. Jahrhunderts den Garaus gemacht.

Der mittlerweile älteste und auch einzige überlebende Betrieb der Region befindet sich in Reichelsheim-Beerfurth und wird von Annette Krämer und Harald Boos geführt. In ihrer Werkstatt werden die „Schoggelgäulschen“, wie die Schaukelpferde im Odenwald genannt werden immer noch aus Holz und von Hand hergestellt. Seit 1899 sind die Muster unverändert. Sie stammen von Harald Boos` Urgroßvater, womit die alte Tradition, seit nunmehr über 100 Jahren am Leben gehalten wird. Und weil das mittlerweile weltweit Seltenheitswert hat, sind die Odenwalder Modelle auch im Ausland begehrt. So findet sich ein „Schoggelgäulchen“ im Spielzeugmuseum in Singapur. Und auch im Palast des japanischen Kaisers Akihito soll sich ein Original befunden haben.

Trotz der Konkurrenz von Computerspielen, Drohnen und allerlei Spielzeugtechnik erlebt das Schaukelpferd in den letzten zwanzig Jahren eine Renaissance. Eltern setzen wieder vermehrt auf den Spielzeug-Klassiker. Mit ihm ließe sich Motorik und Gleichgewichtssinn trainieren. Außerdem sei ein wirklich anfassbares Spielzeugtier unersetzlich im Ausbilden erster sozialer Fähigkeiten.

Schaukelpferde lassen sich heute in drei verschiedene Kategorien unterteilen. Das klassischste Modell ist jenes aus Holz und in seiner Beliebtheit ungebrochen. Holz gilt als umweltfreundlich und warm in seiner Ausstrahlung. Außerdem hat es bezüglich der Reinheitspflege alle Vorteile auf seiner Seite. Stoff- und Plüschpferde lassen sich ungleich schwerer von Essensresten oder anderem Schmutz säubern. Ein solides Holzschaukelpferd kann über Jahrzehnte erhalten werden und ist vielleicht auch noch für folgende Generationen interessant.

Doch gerade bei Mädchen stehen auch weichere Plüsch-Schaukelpferde hoch im Kurs. Das Erscheinungsbild ist oftmals deutlich realistischer. Details, wie Fell, Augen, Mähne und Schwanz machen es attraktiv. Außerdem lässt sich im Innern eine Menge Technik platzieren. Realistische Geräusche, wie Galopp-Sound, Wiehern oder Schnauben lassen die Kinderherzen höher schlagen. Ein weiterer Vorteil: die Verletzungsgefahr ist äußerst gering. In Plüsch lassen sich allerdings längst nicht mehr nur Pferde reiten. Neben sämtlichen, bei Kindern beliebten Tieren gibt es auch Motorräder und andere Fahrzeuge.

Zu Plüsch und Holz hat sich in den vergangenen Jahren auch die Verarbeitung von Hartplastik durchgesetzt. Das Material ist billig und es lassen sich alle erdenklichen Formen herstellen. Vor allem die Leichtigkeit und der damit unkomplizierte Transport überzeugen Eltern immer öfter.

Unabhängig vom Material findet sich das gute, alte Schaukelpferd heute vor allem in zwei verschiedenen Arten: zum einen besitzt es nach wie vor die wippenartigen Füße oder Kufen und unterscheidet sich von seinen Verwandten aus der Vergangenheit nur wenig.
Die andere, moderne Form besitzt eine Sprungfeder und ist heute vor allem auf Spielplätzen zu finden. Wenn sich Eltern für diese Schaukelpferde entscheiden, dann lediglich für Garten oder privaten Spielplatz.

Vor allem die Tatsache, dass diese Schaukeltiere in alle Richtungen wippen und nicht nur, wie auf Kufen, nach vorn und nach hinten, erhöht die Verletzungsgefahr und das Risiko abgeworfen zu werden. Und soviel Realität wollen viele Eltern ihrem reitenden Kind dann doch ersparen.

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